Aus dem Schlaflied für Mirjam von Richard Beer-Hofmann
Seit ich vor über vierzig Jahren das 'Schlaflied für Mirjam' zum ersten Mal gelesen habe, begleitet es mich.
Schlaf mein Kind, schlaf, es ist spät – Sieh wie die Sonne zur Ruhe dort geht. Hinter den Bergen stirbt sie in Rot. Du weißt nichts von Sonne und Tod. Wendest die Augen zum Licht und zum Schein. Schlaf, es sind so viel Sonnen noch dein. Schlaf mein Kind, mein Kind schlaf ein.
Schlaf mein Kind, der Abendwind weht. Weiß man woher er kommt, wohin er geht? Dunkel verborgen die Wege hier sind Dir und auch mir und uns allen mein Kind. Blinde so gehn wir und gehen allein. Keiner kann keinem Gefährte hier sein. Schlaf mein Kind, mein Kind schlaf ein.
Schlaf mein Kind, und horch nicht auf mich. Sinn hat's für mich nur und Schall ist's für dich. Schall nur wie Windes wehen, Wassergerinn, Worte vielleicht eines Lebens Gewinn! Was ich gewonnen gräbt man mit mir ein. Keiner kann keinem ein Erbe hier sein. Schlaf mein Kind, mein Kind schlaf ein.
Schläfst du Mirjam, Mirjam mein Kind? Ufer nur sind wir und tief in uns rinnt Blut von Gewesenen, zu Kommenden rollts. Blut unserer Väter voll Unruh und Stolz. In uns sind alle, wer fühlt sich allein? Du bist ihr Leben, ihr Leben ist dein. Mirjam mein Leben, mein Kind, schlaf ein.