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Anita Friedrich
Ilona wird Kibbuznik
Jugendbuch

978-3-936524-00-0
Paperback
186 Seiten
€ 13,80 zuzügl.  Versandkosten € 1,00

Mädchen ab 11 oder 12 Jahren
 

Das Buch kann in meinem Shop bestellt werden.

Inhalt und Leseprobe siehe unten! 
     

Im Sommer 1973 fährt die zwölfjährige Ilona Stein mit ihren Eltern, ihrem vierjährigen Bruder Michael und ihrem Hund Biever auf dem Schiff Nili ihrer neuen Heimat Israel entgegen. Sie hat nur ungern von Wien Abschied genommen und sie hat Angst vor dem Neuen, das sie in Israel erwartet. Ihre Eltern, Michael und sie werden nicht wie bisher in einer Stadtwohnung leben, sondern in einem kleinen Dorf mitten in der Wüste. Das dieses Dorf ein Kibbuz ist, erfüllt das Mädchen mit besonderen Schrecken. llona und ihr Bruder werden nämlich in Givat Moshe nicht bei den Eltern wohnen, sondern jeder für sich in seiner Gruppe im Kinderhaus. Diese Kindergesellschaft ist es, vor der Ilona am meisten Angst hat. Die Kinder von Givat Moshe führen ihre eigene Wirtschaft und haben ihre eigenen Gesetze.

In Haifa werden sie von ihren Verwandten und deren Tochter Jaara abgeholt. Am nächsten Morgen lernt Ilona auch Jaaras Schwester Thamar kennen. Mit Jaara schließt sie sofort Freundschaft, doch die dreizehnjährige Thamar ist so ganz anders als ihre Freundinnen in Wien.
Sie bleiben zwei Wochen in Haifa, dann kommt der gefürchtete Tag. Ein Wagen von Givat Moshe holt sie ab und bringt sie in den Negev.

Vom ersten Tag an ist Ilona die ganze Kibbuzgesellschaft verhaßt. Zu plötzlich hat sich ihr Leben total verändert. Noch gestern lebte sie mit ihrem Bruder bei ihren Eltern, heute allein mit fünfzehn Kindern in einem eigenen Haus. Zwar sind die Kinder nett zu ihr und eines der Mädchen spricht sogar deutsch, doch Ilona fühlt, daß sie mehr trennt als nur die Sprache.

Auf einen Ausflug in den Galil kommen sich die Kinder endlich näher und lernen einander verstehen. Und dann ist da noch Juval, ein Junge aus einer zerrütteten Stadtfamilie, der im Kibbuz als Pflegekind aufgenommen wurde und nun in Ilonas Gruppe lebt. Wie Ilona muß er sich erst an das veränderte Leben gewöhnen und obwohl sie sich nur schwer miteinander verständigen können, werden sie Freunde.

Gerade fangen Ilona und Juval an, sich im Kibbuz einzuleben, da bricht der 4. arabisch-israelische Krieg aus. Bange Wochen vergehen in Sorge um Väter und Brüder an der Front. Schneller, als unter gewöhnlichen Umständen, beginnen die beiden Kinder sich mit ihren Kameraden in Givat Moshe zu identifzieren.

Der Krieg ist vorüber, obwohl an einzelnen Fronten noch gekämpft wird. Fünf junge Männer der Siedlung sind gefallen, andere lieben verwundet im Krankenhaus von Beer Sheva.

Verzweifelt bemühen sich die Frauen und Kinder von Givat Moshe, die Arbeit allein zu bewältigen. Ilona hilft wo sie kann, doch ab und zu, wenn sie gerade nichts zu tun hat, geht sie zum Babyhaus und blickt durch das Fenster in eines der Bettchen, wo ihr neugeborenes Brüderchen Doron liegt. Fast unmerklich verblaßt Wien in ihr. Aus Ilona wird das Kibbuzkind Ilana. 



L e s e p r o b e:

Einen kleinen Handkarren hinter sich herziehend liefen Mariamne und Ilona durch den Kinderbezirk. Überall begegneten ihnen Kinder, die alle irgendwie beschäftigt waren. Keines schien müßig zu gehen. Aus den Kindergärten der Kleinen drangen muntere Stimmen. Ilona hoffte, irgendwo Michael zu sehen. Sie konnte ihn nirgends entdecken. "Vielleicht spielt er drinnen", meinte Mariamne.

Als sie den Wohnbezirk der Erwachsenen betraten, sprang ihnen Biever entgegen. Er wollte sich überhaupt nicht mehr beruhigen und ließ sich sogar von Mariamne streicheln.

Deborah Stein war zu Hause. Unter ihren Händen hatte sich das kleine Haus schon etwas verändert. In beiden Zimmern standen Blumen, auf den Tischen lagen Decken und in den Bücherregalen hatte sie die ersten Bände eingeordnet. Sie bot den beiden Mädchen Limonade und Kekse an. "Gefällt es dir im Jugendhaus, Loni?", fragte sie.

"Mm", machte Ilona. Sie konnte noch nicht sagen ob es ihr gefiel oder nicht. Zuviel Neues stürmte auf sie ein.

Auf dem Sofa lagen ihre Sachen. Gemeinsam mit Mariamne trug sie alles nach draußen in den Handkarren. Dann sagten sie 'shalom' und zogen den Karren zum Jugendhaus. Biever lief ihnen nach. "Nimm ihn mit", schlug Mariamne vor. Das ließ sich Ilona nicht zweimal sagen.

Ilona war den ganzen Vormittag mit dem Aus- und Einpacken ihrer Sachen beschäftigt. Die Kommode und das Bücherbrett erwiesen sich als viel zu klein. Widerwillig trug sie einige Bücher und Spiele in den Gemeinschaftsraum, andere tat sie beiseite, um sie am Nachmittag zu ihren Eltern zu mitzunehmen. Bievers Steuermarke, seine Leinen und Halsbänder legte sie in die Hundetragetasche, einschließlich der bestickten und gehäkelten Kissenbezüge, die sie im Laufe des vergangenen Jahres für ihn angefertigt hatte.

"Ist das alles für einen Hund?", staunte Mariamne. "Was ist denn das?" Sie hielt ein gestricktes Etwas aus roter Wolle in den Händen.

"Bievers Mantel. Im Winter ist es bei uns sehr kalt." Ilona schob die Tragetasche unter ihr Bett. "Muss ich wirklich überall meine Nummer einsticken?", fragte sie mit einen verzweifelten Blick auf den neben ihr liegenden Wäsche- und Kleiderhaufen.

Mariamne nickte. "Sonst weiß in der Kleiderkammer niemand, wem die Sachen gehören." Sie hatte schon mit dem Zeichnen von Ilonas Sachen begonnen. Es ging ihr ganz flink von den Händen. "Wir müssen ja nicht alles heute machen", meinte sie tröstend, als sie sah, wie widerwillig Ilona nach einer Bluse griff.

Beide arbeiteten schweigend. Biever lag halb schlafend vor der Tür. Sein linkes Auge ruhte auf Ilona und sein rechtes Ohr war aufgestellt, in der Hoffnung, dass sie ihn rufen würde. Schade, sie schien keine Zeit für einen kleinen Hund zu haben!

Nach einer Stunde stand Mariamne vom Bett auf und blickte zufrieden auf den Wäscheberg, den sie gezeichnet hatte. Ilonas Häufchen nahm sich dagegen mehr als kläglich aus. "Hören wir für heute auf", schlug sie vor.

Gemeinsam räumten sie Wäsche und Kleider in Ilonas Kleiderfach im Flur. Dabei stellte Ilona fest, dass sie bedeutend mehr zum Anziehen besaß, als die anderen Kinder. Würde ihr es in ein oder zwei Jahren genauso ergehen, wenn ihre mitgebrachten Kleider zu klein geworden waren? Niedergeschlagen blickte sie in Mariamnes Fach, das mit dem ihren eine gemeinsame Tür hatte. Sie schien um die Hälfte weniger Wäsche und auch nur zwei Kleider zu besitzen.

Inzwischen war es Mittag geworden. Nach und nach fanden sich die Kinder im Jugendhaus ein. Einige waren schmutzig und verschwanden gleich unter der Dusche, andere zogen sich mit einem Buch oder Spiel zurück, um die letzten Minuten bis zum Essen auszufüllen.

Gabi und Shulamit deckten die Tische, Rifka kam mit einem Handkarren vom Chadar Ochel und brachte das Mittagessen. Es gab Suppe, Nudeln, eine Art Gulasch und Essigfrüchte. Dazu wurde aus henkellosen Tassen eiskaltes Wasser getrunken. Beim Essen ging es wie schon beim Frühstück sehr laut zu. Es wurde durcheinander gelacht und gesprochen. Ilona fühlte sich fremd. Sie konnte die anderen nicht verstehen und glaubte, man würde über sie lachen. Den Tränen nahe stocherte sie auf ihrem Teller herum.

Am Nachmittag gingen die meisten Kinder baden. Givat Moshe besaß einen großen, von einer Wiese umgebenen Swimmingpool. "Morgen gehen wir auch", versprach Mariamne. "Heut möchte ich dir noch unsere Wirtschaft zeigen.

Unsere Wirtschaft, dachte Ilona wütend, das wird schon was sein! Sie wäre bedeutend lieber zum Baden gegangen, als in der Sonnenglut durch die Siedlung geführt zu werden.

Als erstes besuchten sie den Zoo, der mit Hilfe eines Erwachsenen von den Kindern unterhalten wurde. Die Kinder säuberten die Ställe, sorgten für das Futter und betreuten die Anlagen innerhalb des Geheges. Der Zoo beherbergte Affen, Papageien, Wellensittiche, Kanarienvögel, Enten, Gänse, einige zahme Rehe, Esel, Pfaue mit prächtigen bunten Federn und eine Steinbockfamilie. Da alle Tiere sehr zutraulich waren, fiel es Ilona nicht schwer, sich mit ihnen anzufreunden. Sie hob eine Pfauenfeder auf, um sie später Michael zu schenken.

Nach dem Zoobesuch ging es zu den Plantagen. Mehrere Kinder pflückten Äpfel. Ein höchstens fünfzehn Jahre alter Junge fuhr auf einem alten Traktor durch die Baumreihen. Ein anderer, der auf einem der kleinen Wagen saß die vom Traktor gezogen wurden, sprang wenn das Fahrzeug hielt, ab und sammelte die vollen Eimer ein.

Ein Stück weiter standen mit dicken, violetten Früchten behangene Zwetschgenbäume. Unter einigen lagen Leitern und Eimer. "Sie müssen bald geerntet werden", sagte Mariamne allwissend.

Es war schön im Schatten der Bäume zu laufen und zu träumen. Ilona hörte nur mit halbem Ohr auf die Erklärungen ihrer Zimmerkameradin. Sie war mit ihren Gedanken wieder einmal bei ihren Freundinnen in Wien. Ob sie überhaupt noch an sie dachten? Bisher hatten sie noch nicht geschrieben. "Möchtest du einen Pfirsich?", schreckte Mariamne sie aus ihren Träumen.

"Nein. Ja, doch."

Mariamne reckte sich an einem Baum hoch und pflückte zwei der apfelsinengroßen, herrlich saftigen Früchte. "Du musst ihn abputzen", sagte sie. "Das Obst ist gespritzt." Sie bearbeitete ihren eigenen mit einem Zipfel ihres Hemdes. Ilona machte es ihr nach.

"Die Oliven werden fast ausschließlich von uns geerntet", sagte Mariamne, nachdem sie noch in einer kleinen Traubenpflanzung gewesen waren, und sich nun auf dem Rückweg befanden. "Wir können besser klettern als die Erwachsenen. Es ist eine ziemlich mühsame Arbeit, weil die Oliven so klein sind."

"Kann man sie nicht vom Baum schütteln?"

"Oh, nein. Oliven sind sehr empfindlich. Wenn sie Druckstellen haben, können sie nicht mehr eingelegt werden." Mariamne blickte auf ihre Uhr. "Was habe ich dir noch nicht gezeigt?", dachte sie laut. "Ach, ja, die Hühner und die Rosen."

"Rosen?"

"Ja, allerdings nicht die Rosen, die hier überall wachsen, sondern die in den Treibhäusern. Die Großen haben vor einigen Jahren angefangen, Rosen für den Export zu züchten. Wir probieren es seit zwei Jahren auch."

Sie gelangten zu einem kleinen Hühnergehege nahe dem Kinderbezirk. Ilona hatte gestern schon die großen Hühnerhäuser der Siedlung gesehen, doch das hier war etwas anderes. Es wirkte irgendwie putzig und in Gedanken lächelte sie ein wenig über den Ernst, mit dem Mariamne sie überall herumführte. Es schien, als wollten die Kinder von Givat Moshe mit Gewalt das Leben der Erwachsenen nachahmen.

Nach der Besichtigung der Rosen – Mariamne hatte sorgfältig darauf geachtet, dass sie keines der kostbaren Gebilde berührte - ging es zu einem viereckigen Gebäude im Kinderbezirk. Es hatte nur zwei große hellgestrichene Räume. An den Wänden standen Klappstühle. Es gab einige Regale mit Tonscherben, die die Kinder bei Ausgrabungen gefunden hatten, ein mit Zettel behangenes Brett und Fotografien von der Siedlung. Vor den Fenstern hingen grüne Vorhänge. Das war also das vielgerühmte Versammlungshaus der Kinder, in dem Filmvorführungen stattfanden, Vorträge gehalten wurden und in dem man sich auch zu Veranstaltungen und Festen traf! Wie konnte man nur auf diese kargen Räume so stolz sein?